Finale der Copa Libertadores in Medellin/Kolumbien

Viele Weltgeschichten leben von den Fotos. Bildergeschichten sozusagen. Die Geschichte gibt’s als ergänzende Dreingabe dazu. Hier ist es anders. Kein Hochglanz-Foto. Dafür eine höchst unterhaltsame Geschichte. Im Nachhinein zumindest. Ein Engländer-Trio hat mir später erzählt, sie bezeichnen solche Geschichten als „Type-2-Fun“.* Momente, die das Reisen ausmachen. Spaß, den man während der Situation und auch danach noch nicht hat. Dafür hat man später, wenn man die Geschichte erzählt, um so mehr Spaß. Ich muss zugeben, ich erzähle diese Geschichte auch sehr gerne. Aber bevor du entnervst wegklickst, fange ich lieber mal an.

Ich war gerade in Medellin in Kolumbien. Und zwar genau an dem Tag, als das Rückspiel des Finales der Copa Libertadores stattfand. Für alle Nicht-Fußballer: das ist die südamerikanische Champions League. Es standen sich die absoluten Außenseiter Independiente del Valle aus Ecuador und Atlético Nacional aus Medellin gegenüber. Das Hinspiel endete 1:1, im Rückspiel war also alles offen. Die ganze Stadt war seit Tagen im Fußballfieber und am Tag des Spiels versanken alle Straßen rund um das Stadion im Grün-Weißen Fahnenmeer. An jeder Ecke konnte man sich ein Trikot kaufen oder eine Tröte oder einen Hut. Ausgerüstet mit einem grün-weißen Trikot habe ich mich am Nachmittag auf dem Weg zum Public Viewing gemacht. Die Kamera natürlich im Gepäck, es könnte ja sein, dass ich ein spektakuläres Foto machen würde…genau.

Die Atmosphäre war überragend und die Kolumbianer absolut begeistert, einen westlichen Fan in ihren Reihen zu haben. Das Spiel wurde pünktlich angepfiffen und die völlige Ekstase ließ nicht lange auf sich warten. Schon in der 9. Minute ging Medellin in Führung und die Kolumbianer bauten die ganze Straße ab. Das Foto unten zeigt eine Szene kurz nach dem Führungstreffer. Es sollte auch der einzige Treffer im Spiel bleiben, viel passierte nicht mehr. Der Schlusspfiff war sehr speziell. Kolumbianer aus allen gesellschaftlichen Schichten, Männer, Frauen, Kinder lagen sich weinend in den Armen oder auf dem Boden. Gestandene Mannsbilder weinten sich vor Freude an den Schultern ihrer Freundinnen aus. Ich habe mir zur Feier des Tages noch ein kühles Dosenbier bei einem Straßenverkäufer gekauft. Als ich gerade das Bier und mein Wechselgeld entgegen genommen habe, schlug meine Stimmung sofort um.

Nein, nein, keine Sorge. Das Bier war schön kalt. Aber ich merkte ein kurzes Zurren an meinem Kameragurt und wusste sofort – meine Kamera ist weg. Und du Volltrottel hast dein teuerstes Objektiv dabei. Plötzlich hatte ich Adrenalin im ganzen Körper. Innerhalb einer Zehntelsekunde bin ich losgespurtet, ich weiß gar nicht genau, woher ich die Richtung wusste. Aber nach ein paar Metern hatte ich den Kerl zumindest im Blick. Und jetzt kommt ein für mich sehr beeindruckender Part. Die restlichen Kolumbianer ließen ihn einfach nicht durch. Es war nicht so, dass sie ihn aktiv zurückdrängten. Aber sie machten ihm einfach keine Platz, so dass er nicht schnell vorankam. Die wussten genau, was da läuft. Ich bekam ihn schließlich von hinten zu fassen und rangelte mit ihm. Irgendwann ließ er die Kamera fallen und lief davon. Ich habe ihm noch ein saftiges „Puta madre!“ hinterher gerufen und mich um meine Kamera gekümmert. Schien auf den ersten Blick alles in Ordnung, ein paar Kratzer mehr, aber alles funktionierte noch einwandfrei. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich noch meine Dose Bier in der linken und das Wechselgeld in der rechten Hand hatte…wenn schon, denn schon.

Das Bier hatte ich mir jetzt ja auch verdient. Oder eigentlich die Kolumbianer mit ihrer Straßensperre. Und ihrer Herzlichkeit. Alle möglichen kamen sofort zu mir und fragten, ob wirklich alles okay ist. Ob mir irgendwas fehlt. Oder der Kamera. „Todo bien, gracias.“ Mehr kann ich nichtmal unaufgeregt sagen. Aber sie haben sich auch so mit mir gefreut. Und ich mit Medellin und ihrem geilen Club Atlético Nacional. Als ich langsam die Heimreise antrat, hat mir übrigens noch jemand meine Sonnenblende in die Hand gedrückt. Die hatte sich beim Sturz wohl gelöst. Hatte ich gar nicht bemerkt. Danke Medellin für diesen großartigen Abend! Und für den Type-2-Fun!


Campiones, Copa Libertadores, Medellin, Kolumbien


* Die Geschichte der Engländer ist übrigens auch sehr amüsant. Sie mussten verkatert mit dem Taxi vom Hostel zum Busbahnhof fahren. Da sie zu viert waren, schnallten sie die Rucksäcke aufs Dach. Unter der Fahrt schliefen alle ein. Ihr wisst was kommt…die Rucksäcke. Als sie ankamen, fehlten zwei Rucksäcke vom Dach und der Fahrer will unter der Fahrt nichts bemerkt haben…

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