MacGyver

Es gibt so Tage, da läuft es nicht rund. Dolomiten, Karersee. Unglaubliches Panorama. Ein wahnsinniger Ort, der wahnsinnig überlaufen ist. Vor allem, wenn man etwas später dran ist. Es ist heiß, ich schwitze, die Sonnencreme tropft mir von der Platte in die Augen und ich ärgere mich, nicht früher aus dem Zelt gekrochen zu sein. Die Sonne steht schon viel zu hoch und die Kontraste sind viel zu stark für ein vernünftiges Foto. Abgesehen davon, dass sowieso ständig irgendjemand Steine ins Wasser wirft, um die Spiegelung des Latemarmassivs im ruhigen See zu zerstören. Einige missachten das strikte Badeverbot und hieven ihre wabbeligen Bäuche in das kalte Nass. Eine etwas betagtere Südtirolerin erzählt mir, wie still und einsam es hier früher war. Wie gerne sie mit ihrem Mann hier her kam.

Nachdenklich und genervt schlendere ich zurück zum Auto. Ein Grund, warum der See so überlaufen ist, ist seine gute Erreichbarkeit. Vom Parkplatz an der Straße aus sind es nur wenige Minuten zu Fuß bis zum Karersee. Am Auto angekommen nimmt das Unglück seinen Lauf. Meine Kamera ist seitlich am Rucksackgurt eingehängt, ich nehme den Rucksack ab, denke nicht an die Kamera, zu allem Unglück hat sich der Objektivtubus komplett ausgefahren, und als ich all das bemerke, schlägt der ausgefahrene Tubus schon relativ unsaft auf dem Boden auf. Es ist das wichtigste Objektiv, das ich dabei habe. Mein Landschaftsobjektiv. Das Objektiv, das ich für Langzeitbelichtungen nutze. Ich denke nach. In drei Tagen bin ich bei den Drei Zinnen. Eine Langzeitbelichtung mit dramatischem Abendhimmel ist fest eingeplant. Das ist eigentlich der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Ich prüfe das Objektiv und stelle fest, dass der Tubus schief sitzt. Er lässt sich nicht mehr sauber einfahren, der Autofokus tut gar nichts und die Kamera lässt sich nicht auslösen. Auf den ersten Blick kann ich aber auch nicht erkennen, was genau kaputt ist.

Ich steige ins Auto, fahre Richtung Canazei, und rauf auf den Passo Sella. Während der Fahrt zieht Regen auf, ein tosendes Unwetter, oben am Sella-Pass kreist ein Helikopter über mir, rettet einen Kletterer aus einer Felswand und ich verabschiede mich in Gedanken von meiner Fotosession bei den Drei Zinnen. Ich fahre rüber zum Grödner Joch und hinunter nach Colfosco, wo ich das Zelt aufschlage, um am nächsten Tag auf den Piz Boè zu steigen.

Als ich dann im Zelt liege und meine Genervtheit zumindest etwas verflogen ist, setze ich die Stirnlampe auf und inspiziere nochmal mein Objektiv. Ich leuchte von hinten hinein und sehe, dass ein Plastikarm, der am Tubus befestigt ist, aus seiner Führung an der Objektivwand gesprungen ist. Ansonsten sieht alles gut aus, ich kann nicht erkennen, das etwas gebrochen wäre. Jetzt kenne ich mich weder aus, wie Objektive gebaut sind, noch bin ich feinmechanisch besonders geschickt. Werkzeug? Fehlanzeige. Eine Haarklammer finde ich im Zelt – groß und porös. Was soll’s, schlimmstenfalls schrotte ich noch mehr. Ich beginne im Objektiv herumzustochern und versuche im schlechten Stirnlampenlicht, den Arm zurück in die Führung zu heben. Es kostet mich eine Menge Geduld ruhig zu bleiben und das Ding nicht einfach aus dem Zelt zu werfen. Natürlich bricht ein Teil der Haarklammer ab und verfängt sich irgendwo im Inneren des Objektivs. Durch starkes Schütteln kriege ich es immerhin wieder heraus und ich stochere weiter im Objektiv herum. Mit der Zeit bekomme ich ein Gefühl für mein „Werkzeug“, mit jedem Versuch komme ich der Sache näher. Irgendwann schnappt der Arm in der Führung ein, und ich fühle mich wie MacGyver persönlich. Der Tubus sieht gerade aus, lässt sich wieder einfahren und die Kamera fokussiert. Ich steige aus dem Zelt, und hole ein Bier aus dem Kofferraum.

Am nächsten Morgen steige ich auf den Piz Boè, aber lasse das Objektiv zu Hause. Kein Risiko mehr. Am übernächsten Tag fahre ich nach Sexten, steige zu den Drei Zinnen hoch und genieße die Ruhe. Fast kein Mensch ist zu später Stunde dort oben unterwegs.


drei zinnen - dolomiten

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