„I hate you“

Norwegen. Ein kalter Morgen. Ich liege im Zelt. „I hate you“, höre ich einen älteren Herrn neben mir sagen. Und noch ein zweites Mal, nur lauter: „I hate you!“ Gemeint ist seine Frau. Und er meint es ein Stück weit liebevoll. Er hasst es, wenn sie recht hat. Und das hat sie anscheinend ständig. Auch dieses Mal wieder. Er hat zu wenig Unterhosen eingepackt. Nun hat er keine saubere. Sie wusste es schon vorher. Nachdem ich ihnen noch eine Weile amüsiert gelauscht habe, quäle ich mich aus dem Schlafsack, raus in die Kälte.

Heute beginnt ein 14-tägiger Marsch durch Jotunheimen und Dovrefjell. Und mit ihm eine Hassliebe. Ich hatte mir im Vorfeld einiges an Bildmaterial angeschaut. Spektakuläre Landschaften habe ich erwartet. Schneebedeckte Gipfel. Unberührte Natur. All das bekomme ich in den nächsten Tagen. Nur auf die harte Tour. Durchgehend Regen. Schon nach drei Stunden wandern ist alles Nass. Meine 25 Kilo auf dem Rücken werden durch die Nässe schnell zu 30kg. „You should have brought a horse“, sagt ein einsamer Norweger, der mir entgegenkommt. „I hate you“, denke ich mir. Es wird nicht besser. Temperaturen um die Null Grad. Keine Sonne. Unfassbar tristes Wetter. Und außenrum diese wunderbaren, schönen Gipfel, die sich in einer grauen Suppe verstecken. Überall ist Matsch. Teilweise stecke ich bis über den Knöchel drin. „I hate you!“ Wer will bei solchen Bedingungen schon das Stativ auspacken, Filter aufschrauben und fotografieren? Okay, manchmal mache ich das sogar. Aber auch dann kommt nichts dabei raus. Fehlende Lichtstimmung kann man nicht kompensieren. Also maschiere ich weiter. Genervt und fluchend: „I hate you!“ Und wenn man es am wenigsten erwartet, kommt eines Abends plötzlich die Sonne. Nach 10 Stunden Marsch. Die Belohnung. Es ist nicht lange, 30 Minuten vielleicht. Aber das reicht. Plötzlich ist alles farbenfroh. Mein Unterhemd trocknet. Bis zum nächsten Regen jedenfalls. Ein auf und ab. Dieses Norwegen. Es zerrt an einem. Jeder Meter ein Kampf. Eiskalter Wind kämpft sich durch meinen Bart. Und plötzlich ist die Sonne wieder da. So etwas wie ein Sonnenuntergang bahnt sich an. Es wird keiner…zu viele Wolken ziehen auf. Aber das Licht wird trotzdem magisch. Ich stehe zwei Stunden in der Kälte. In FlipFlops. Meine Bergschuhe lösen sich schon auf, ich verliere die Sohle. Zu viel Nass, zu viel Schnee, zu viele spitze Steine. Egal. Für solche Augenblicke bin ich gekommen.

Irgendwann bin ich zurück in der Zivilisation. Trondheim – ein nettes Städtchen. Die Menschen berichten mir stolz, dass es diesen Sommer endlich einmal mehr geregnet hat als in Bergen, der regenreichsten Stadt in Norwegen. „I hate you!“


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