Nebel auf dem Irrawaddy

Mit diesem Bild habe ich mal bei einem Fotografie-Wettbewerb meiner Universität gewonnen. Danach gab es einige Kommentare, die Unverständnis über mein Bild und die Wahl zu Platz 1 zum Ausdruck brachten. „Was? Das ist das Gewinner-Bild? Einfach ein weißes Bild mit einem Farbklecks?“ Ich gebe ja zu, das Bild ist fast komplett weiß. Für mich hat es trotzdem eine starke Message, es vermittelt für mich Abenteuerlust und die Suche nach Unbekanntem.

Kennst du noch die lästigen Gedichtinterpretationen aus der Schule? Ich habe die früher gehasst. Man versucht zwanghaft in Worte etwas hineinzuinterpretieren, was gar nicht da ist. Was der Autor gar nicht beabsichtigt hat. Was er gar nicht auf dem Schirm hatte und ihm jetzt untergejubelt wird. Oft kann er sich gar nicht wehren oder Rede und Antwort stehen, weil er bereits verstorben ist. Natürlich hatte er eine Botschaft, die er unterbringen wollte und sicherlich wollte er auch einen schönen Klang, eine monotone Melodie oder sonst etwas passendes mit seinen Worten erzielen. Aber ob er sich zum Beispiel wirklich um das Versmaß scherte? Ich habe das immer bezweifelt. Ich habe mir ehrlich gesagt bei dem Foto auch nicht so viel gedacht. Wir waren gerade mit dem Boot auf dem Irrawaddy-Fluss in Myanmar unterwegs. Plötzlich zog starker Nebel auf, man konnte die Hand kaum vor den Augen sehen. Wir mussten eine Pause einlegen. Und dann kommen diese beiden unerschrockenen Typen auf ihrem kleinen Motorboot vorbei und fahren einfach weiter – ins Unbekannte. Ein starkes Bildnis, das ich nach bestimmten gestalterischen Gesichtspunkten festhalten wollte. Um diese bestimmte Stimmung festzuhalten. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Und wenn ihr jetzt auch unzufrieden seid mit diesem weißen etwas und euch fragt, was das soll. Dann habe ich hier noch eine an den Haaren herbei gezogene Interpretation. So wie ich es früher immer in der Schule gemacht habe:

Myanmar, ein Land im Umbruch. Ein Land, das sich aus den Klauen der britischen Herrschaft befreit hat und sich seitdem nicht mehr Burma nennen will. Ein Land, das über 50 Jahre von einem Militärregime geführt wurde und sich erst seit 2010 langsam wieder der Welt öffnet. My-an-mar, das bedeutet in burmesisch so viel wie: Bleib aufrecht und stark! Die Lebensader dieses Landes ist nach wie vor der Irrawaddy-Fluss. Jener Fluss, den mein Foto zeigt. Die beiden Bootsfahrer auf dem Bild stehen sinnbildlich für ein ganzes Land, für seine fast 52 Mio. Einwohner. Myanmar ist auf dem Weg nach vorne, vieles bewegt sich. Aber die Art und Weise ist noch rückständisch. Es fehlt an so vielem, an Maschinen, Industrie, Bildungsstätten, Zusammenhalt, und vieles mehr. Man fährt mit einem brüchigen, klapprigen Motorboot auf einem 2170km langen Fluss. Von Dorf zu Dorf. Ein vernünftiges Passagierschiff gibt es nicht für den Normalbürger. Das Ziel ist ungewiss, verschwindet im Nebel, sowohl für die Bootsfahrer als auch für das Land. Keiner weiß genau wohin der neue, der demokratische Weg hinführt. Und wie schnell man sich bewegt. Es lauern Gefahren überall, einen Schiffsbruch gilt es um jeden Preis zu vermeiden. Myanmar muss seine Chance jetzt greifen und sicher aber bestimmt durch den Nebel navigieren. Ein Weg ins Ungewisse, der hoffentlich Erfolg hat.


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